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Ursus' |
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Mit elf Wochen beschloß ich, mein Elternhaus zu verlassen, und da kamen mir diese zwei Menschen gerade recht. Sie standen vor unserem Zwinger und glucksten und wedelten mit den Händen. "Die sind richtig!" dachte ich mir, doch einer meiner Brüder hatte eine bessere Position. Der stand genau am Zaun und leckte doch schon die Finger des Mannes!
Jetzt seien Sie mal ehrlich, was sollte ein anständiger Boxerjunge in einer solchen Situation denn da machen? Erst habe ich angefangen zu bellen, damit sie meine schöne Stimme hören konnten - aber sie bemerkten es überhaupt nicht!!! Dann kam mir die rettende Idee: ich nahm einen alten Handschuh, der da gerade herumlag und schüttelte und würgte ihn. Meine neue Familie sollte doch sehen, was für ein toller Wachhund ich werden wollte ...
Und dann, ja dann schaute Sie mich an und sagte: "Guck mal, was der für große Pfoten hat!" Sie nahm mich auf den Arm und dann hörte ich die schönsten Worte meines bisherigen Lebens: "Den geb' ich niiie mehr her!"
Leider habe ich nie mehr jemanden von meiner Familie getroffen ... mir wurde nur erzählt, daß ich sehr viel Ähnlichkeit mit meinem Vater Barry von der Langst hätte. Frauchen traf mal die Familie meines Bruders Ulk. Sie waren genauso stolz auf ihn wie meine Leute auf mich!Die Fahrt verbrachte ich natürlich in ihrem Arm - seit jenem Tag sage ich Frauchen zu ihr. Aber glaubt nicht, daß wir sofort zu meinem neuen Heim gefahren wären, oh nein! Wir fuhren zu einem riesengroßen Gelände, da lagen uuunheimlich viele Bäume und Bretter und all sowas (später hab' ich dann erfahren, daß es das Sägewerk eines Freundes ist). Und da stellten sie mich dann hin und andere Leute riefen nur: "Oooh, wie niedlich der ist!" Ich war ganz schön stolz!
Ich schaute mich so um und - oh wau - mein kleines Boxerherz fing ganz schön an zu klopfen! Da stand ein riiiesengroßer Boxermann vor mir und wedelte mit dem ganzen Hintern. Vor Schreck hab' ich mich erst mal unter Herrchens Auto versteckt, aber 5 Minuten später spielte ich schon mit Henry und er wurde mein Freund für's Leben! Ich glaube, er hat in mir seinen Sohn gesehen und auch für mich war er mein Vater.
Er zeigte mir, wie man Holz zerkaut, wie man das Bein hebt ohne umzufallen und auch, daß es besser ist, zu gehorchen ... Leider hat er mich schon vor einigen Jahren verlassen, doch seinen Namen darf hier niemand aussprechen, sonst renne ich sofort zur Haustür.
So kam es, daß ich hierher nach Datteln ins nördliche Ruhrgebiet zog. Ich weiß, wenn man "Ruhrgebiet" hört, dann denken viele an Industrie und riesengroße Städte ohne einen Grashalm. Dabei ist es hier wirklich sehr schön. Datteln hat ca. 38.000 Einwohner (also eine richtige Kleinstadt!) und ist bekannt als der größte Kanalknotenpunkt Europas! Hier treffen 4 Kanäle aufeinander - und das fast hinter meinem Wohnhaus - ich brauche nur über die Pferdekoppel (nicht unsere, aber mein Reich) zu laufen, und schon stehe ich am Wasser ...
Um ganz ehrlich zu sein, in meiner Jugend war ich ein rechter Tunichtgut! Meine Fantasie war einfach unerschöpflich! So erfuhr meine Familie erst durch mich, daß Küchenrollen unheimlich lang sind (von der Küche durch den Garten bis hin zum Teich!) und auch, wieviele Blätter Zimmerpflanzen haben können. Ebenso zeigte ich ihnen, daß ein Handy auch ohne Antenne funktioniert ...
Doch ich lernte schnell und als ich erst begriffen hatte, was sie von mir wollten, waren sie richtig stolz auf mich!Dann kam die Zeit auf dem Hundeplatz - ich liiiebte es! Naja, ich hatte ja auch André!
Wenn Sie Mitglied im Internationalen Boxerclub e.V. sind, wissen Sie vielleicht, wen ich meine und vielleicht sagen Sie jetzt auch: "Ach, deeer Ursus ist das!"
Es war toll auf dem Platz und (nach anderer Leute Meinung) war ich auch sehr gut. Nur habe ich leider ein kleines Manko - ich bin auch ein kleines Sensibelchen! Samstagabend gingen meine Leute zur Party und kamen erst frühmorgens heim. Und solange sie unterwegs waren, habe ich im Treppenhaus auf meiner Matte gelegen und gewartet! Wenn mich André dann Sonntagmorgen um 7 Uhr abholte, war ich natürlich total groggy und bin bei den Prüfungen über den Platz geschlichen "wie eine Schlaftablette".
Also haben sie beschlossen, daß Grundgehorsam reicht ...Leider muß ich nun von einem "einschneidenden" Erlebnis in meinem Leben berichten. Ich war damals gerade 15 Monate alt, Frauchen saß mit einem Gipsbein zuhause (da war ich nicht ganz unschuldig dran) und Herrchen spielte mit mir auf der Pferdekoppel.
Ich tobte herum und hörte wieder einmal nicht genau zu. Dann sah ich ihn so weit weg, wollte zu ihm hinlaufen und auf dem Abhang, den ich runterspringen wollte, habe ich leider den Stacheldraht zu spät gesehen. Im letzten Moment bin ich hochgesprungen, aber leider nicht hoch genug ... nun, womit bleibt ein Rüde wohl hängen?
Mein ganzer Dank gilt hier Dr. Wigbert Rischen aus Datteln, der in einer Notoperation wirklich alles gerettet hat - und ich bin wieder was Besonderes: der einzige "jüdische" Hund im Verein.Seitdem verläuft mein Leben in geregelten ruhigen Bahnen.
Viele Jahre lang verbrachten wir unseren Urlaub in Eckernförde an der Ostsee und - wie es sich für einen Boxer gehört, hatte ich da meinen eigenen Fanclub! Da war eine Gruppe Kinder, die mich liebten. Sie stritten sich, wer mir Wasser holen und wer mich striegeln darf und all' solche Sachen! Sogar wenn meine Leute mit mir die Runde drehten, kamen sie mit und manchmal war es mir richtig peinlich! Hockt Ihr Euch mal hin und 10 Kinder gucken zu!!!Seit einige Jahren verbringen wir unseren Urlaub lieber im eigenen Garten und meine Leute unternehmen eine sogenannte "Bildungsreise" irgendwann im Herbst. Aber länger als eine Woche laß ich sie nie weg!
Tja, und dann kam der 15. Januar 1999. Mein Frauchen (diese Langschläferin) stand morgens um 5 Uhr auf und fuhr weg. Sie kam auch erst am nächsten Tag heim - aber nicht alleine! Sie schleppte eine große Kiste in unseren Garten und als sie die Tür daran öffnete, sah ich erst nur 2 wunderschöne dunkle Augen ... sie hatte mir ein kleines Boxermädchen mitgebracht! Bessi - eine kleine Russin!
Ich hab' mich sofort halsüberkopf in dieses hübsche kleine Wesen verliebt. Und wir haben uns auch sehr gut verstanden. Gut, einmal mußte ich sie anbrummen, als sie ihr eigenes Schweineohr nicht fand und an meinem weiterknabbern wollte; aber das war ja nur Erziehung! Wir haben schon in der ersten Nacht zusammengekuschelt geschlafen; wenn ich mein Seniorenfutter bekomme, krabbelt sie unter meiner Schüssel her und sammelt die Krümel auf und sie tippelt immer hinter mir her.
Aber das Leben kann so grausam sein! Mit meinen gut 10 Jahren hatte ich ja schon mal einen Schlaganfall - und seitdem bekomme ich regelmäßig Tabletten. Mein Frauchen hatte auch den Tierarzt vorher gefragt, ob sie mir "altem Herrn" so ein junges Ding zumuten könne, und er hat ihr zugeraten. Er meinte, daß sie mich wohl ein wenig "verjüngen" würde ...
In der Nacht zum 18. Januar 1999 bekam ich wieder einen schweren Schlaganfall - so schwer, daß ich meine Familie verlassen mußte. Ja, ich habe nur 2 Tage mit meiner kleinen Schwester verbringen können - oder habe ich gewartet, bis ich meine Familie "in guten Pfoten" wußte?Die Antwort hab' ich mitgenommen ...
Ursus
